Der Moderator

                                 oder wie Wunschdenken die Sprache verändern kann

 

 

Als Schüler las ich zum ersten Male das italienische Wort „moderato“ in der Mandolinenschule. Es hat

mich immer gefreut, das Wort links oben am Anfang der Notenzeilen zu lesen, denn dann wurde das

Musikstück langsam und gemütlich gespielt. Es war weniger anstrengend.

 

Zum zweiten Male traf ich im Zusammenhang mit dem Unterrichtsstoff über den Atomreaktor auf  den

Wortstamm „moderato“. Im Uranmeiler steuern gewaltige Graphitstäbe, sogenannte „Moderatoren“,

durch mehr oder weniger tiefes Eintauchen die Intensität der Atomreaktion und verhindern den

gefürchteten Supergau.

 

Wie kommen nun die Ansager, Diskussionsleiter, Announcer, Conférencieres, Chairmen, Vorsitzende

und ähnliche Leute zu der Bezeichnung Moderator?

 

Es begab sich zu der Zeit als in Hamburg (1955) die ersten Rock’n Roll-Konzerte stattfanden

und die Zuschauer und Zuhörer in eine solche Euphorie gerieten, daß sie sich durch das Zerschlagen

der Saaleinrichtung abreagierten. Die Maßnahme, das zu verhindern bestand darin, zwischen den

einzelnen Musikstücken eine Person auftreten zu lassen, die durch ihre Erscheinung und durch ihre

Worte die Leute von dem gehabten musikalischen Erlebnis ablenkte. Die Ansager, die das, ohne daß

das Publikum protestierte, geschafft haben, hatten eine neue höhere Qualität. Sie nannten sich deshalb

„Moderatoren“. Nun wollte jeder Ansager der irgendwo auftrat, diese Qualität von sich behaupten.

Seitdem gibt es keine Ansager mehr sondern nur noch Moderatoren. Der Spaß dabei ist, daß die

meisten Ansager mit Witzchen und Gymnastik für das Publikum (z.B. aufstehen lassen, die Hände über

dem Kopf hin- und herschwingen oder klatschen lassen), dasselbe davon abhalten möchten

einzuschlafen. Dafür sollte man aber eine andere Bezeichnung finden z. B. “Anreger“  oder, wenn es

englisch sein muß, Excider. Der Ausdruck Animator (etwa: Lebendigmacher) ist ja schon für

Sportanreger vergeben, wenn er auch etwas wie „animalisch“ (tierisch) klingt und an die Animation

von Trickfilmfiguren erinnert.

 

Echte geschickte Moderatoren braucht man heute nur noch, um (wie ein Schiedsrichter beim Boxen)

Politiker gegnerischer Parteien auf Abstand zu halten, wenn sie heftig persönlich werdend aufeinander 

losgehen, ohne die wahren Hintergründe des Diskussionsthemas zu berühren, denn das wäre ja

undiplomatisch.