Jazz

 

Die Urform des Jazz ist der Dixieland benannt nach dem Land, in dem man „dix dollar“ (franz.) statt „ten dollars“ sagte. Er entstand zu einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs in der Gegend von New Orleans, als das Land in Florida aus französischem Besitz

in nordamerikanischen überging. Die afroamerikanische Bevölkerung verlor u. a. alle Rechte zur Ausübung von Berufen. In der Not gingen viele Frauen in Bordelle und die Männer machten Musik dazu. Daher kommt der Name Jazzmusik. Unter Jazz versteht man die sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau. Die Voraussetzung für die Musik waren die Instrumente der französischen Militärkapellen, die man vorher auch schon bei Volksfesten und Straßenumzügen (street parades) benutzt hatte. Nur an Noten mangelte es. Man musste auswendig spielen. Die überlieferte Melodie „Highsociety Rag“  hat eine große Ähnlichkeit mit dem Marsch „Bavaria“ von Johann Brussig. Die Instrumente der Militärkapellen wurden ergänzt durch Schlaginstrumente (Trommeln aller Art und Metallgegenstände zum Klappern wie Löffel, Töpfe und  Waschbretter) und selbstgebastelte Saiteninstrumente wie das Tenorbanjo.

 

Es hat sich folgende Sieben-Mann-Standardbesetzung der Kapellen herausgebildet:

 

Klarinette in B

Trompete in B

Posaune in B

Klavier

Tenorbanjo

Tuba

Schlagzeug

 

In der Folge wurde in Europa die Klarinette durch das Sopransaxophon (Sidney Bechet) ergänzt, die Trompete durch Kornett und Flügelhorn, das Tenorbanjo durch die Elektrogitarre und die Tuba durch den Kontrabaß und die Bassgitarre.

 

Es wird auswendig gespielt. Jedes Instrument hat im Prinzip seine Funktion: Die Trompete macht die Vorspiele und übernimmt die Melodie. Die Klarinette spielt darüber die 2. Stimme und die Posaune spielt hauptsächlich aller vier und acht Takte am Ende der Choralzeile, wenn die anderen Instrumente Luft holen. Das ergibt einen fugenhaften Charakter. Die verbleibenden Instrumente zählen zu den Rhythmusinstrumenten. Aus der Tradition der Trommelmusik heraus werden auch gemeinsame monophone  Rhythmusfiguren übernommen. Zur Abwechslung werden reihum Soli improvisiert. Spaß macht es auch, wenn sich zwei Musiker gegenüberstehen und aller vier Takte mit der Soloimprovisation abwechseln. Es gibt keinen Dreivierteltakt! Gespielt werden alle bekannten singbaren Melodien. Dixieland ist nicht von bestimmten Musikstücken abhängig sondern nur von der Spielweise.

 

Wenn z. B. eine Blaskapelle eine traditionelle Dixieland-Melodie spielt, ist das noch lange keine Dixielandmusik sondern eine Parodie. Ich habe deshalb auch nicht gehört, dass zum Dixielandfestival in Dresden eine herkömmliche Blaskapelle aufgetreten wäre.

 

Gitarrenbanjos sind ein untauglicher Kompromiß. Aus resonanztechnischen Gründen (auf die hier nicht näher eingegangen werden soll) in Zusammenhang mit dem Trommelfell klingen diese unsauber und haben nicht den trockenen und durchsichtigen Klang eines Tenorbanjos.

 

Die Melodien und die englischen Texte sind oft eng miteinander verwoben. Ich könnte mir z.B. bei „Ice Creame“, dem „St. Louis Blues“ (dabei meine ich nicht den Militärmarsch aus dem zweiten Weltkrieg) oder dem „Basin Street Blues“ keinen deutschen Text vorstellen.

 

Interessant ist auch der Rhythmus. Als Kulturforscher in Afrika an die Goldküste kamen (von dort stammen die meisten Afroamerikaner), stellten sie erstaunt fest: „Die Menschen hier spielen mit ihren Trommelorchestern Dreivierteltakt und Viervierteltakt zugleich!“ Verschachtelte Triolen waren im neunzehnten Jahrhundert noch nicht bekannt. Im folgenden soll ein kleines Beispiel zeigen, dass sich verschachtelte Triolen auch heute noch nicht in ein Notenbild überschaubar fassen lassen. Man sagt heute in der Big Band, dass die vorgezogenen und angebundenen Achtelnoten nur symbolisch sind, dass man den wirklichen Rhythmus, der den Jazz-Charakter ausmacht, fühlen müsse. Bei guten Improvisationen wird dieser Rhythmus von Takt zu Takt b.z.w. in Intervallen von mehreren Takten variiert.

 

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Quelle: „Jazz Analysen und Aspekte“ von Andre Asriel

VEB Lied der Zeit . Musikverlag Berlin 1966